
Familienarmut im Fokus
Familienarmut zeigt sich oft nicht auf den ersten Blick. Sie hat viele Gesichter. Oft hat sie keine laute Präsenz, sondern äussert sich in leisen Entscheidungen: wenn Eltern Prioritäten abwägen müssen, wenn Alltagskosten plötzlich zu Stolpersteinen werden, wenn Ressourcen fehlen, um den Kindern das zu ermöglichen, was andere als selbstverständlich erleben.

Mit dem beschlossenen Kinderzuschlag in den SKOS-Richtlinien sowie dem Prüfauftrag zur Konkretisierung der situationsbedingten Leistungen hat die SODK dazu beigetragen, sozialhilfeabhängige Familien etwas besserzustellen.
Im Durchschnitt sitzen drei Kinder in jeder Schulklasse, deren Eltern sich das Nötigste kaum leisten können: Kinder und Jugendliche, die dadurch auf ihrem Bildungsweg und später in der Karriere oft schlechtere Chancen haben. Materielle Armut wirkt sich direkt auf die Entwicklung von Kindern aus. So kann sich Armut vererben. Rund ein Drittel aller Sozialhilfebeziehenden in der Schweiz sind Kinder und Jugendliche. Der SODK ist es ein Anliegen, Wege aus dem Kreislauf der Armut zu eröffnen, um allen Kindern und Jugendli-chen in der Schweiz faire Startbedingungen und eine echte Perspektive für ihre Zukunft zu ermöglichen.
Fokusseite: Stimmen und Geschichten
Familienarmut sieht unterschiedlich aus. Mal sind es Familien mit Migrations- oder Fluchterfahrung, mal Alleinerziehende, mal Jugendliche, die erleben, dass ihre Teilhabe an Schule, Freizeit oder sozia-len Angeboten eingeschränkt ist. Diesen Geschichten gilt es Gehör zu schenken. Die zum Schwerpunktthema kreierte Fokusseite Familienarmut auf der SODK-Webseite zeigt unterschiedliche Perspektiven zum Thema, mittels Porträts, persönlichen Geschichten, Erfahrungsberichten und Beiträgen von Fachpersonen.

Neuer Zuschlag für sozialhilfebeziehende Familien
Als Schirmherrin der SKOS-Richtlinien beschloss die SODK im Mai 2025 zwei gewichtige Neuerungen, um die Situation von sozialhilfeabhängigen Familien etwas zu verbessern. Das Plenum der SODK hat vergangenen Mai beschlossen, dass die SKOS-Richtlinien künftig für Fa-milien einen Zuschlag von 50 Franken monatlich für jedes Kind vorsehen – bis zu einer Obergrenze von 200 Franken pro Familie. Dieses Geld soll den Familien etwas mehr Spielraum geben, beispiels-weise um Ausstellungen zu besuchen, Bücher zu kaufen oder Ausflüge zu unternehmen. Dahinter steht die Absicht, die Entwicklung von armutsbetroffenen Kindern zu fördern, was dazu beitragen dürfte, dass sie später wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen und sich aus der Armut befreien kön-nen. Darüber hinaus erteilte die SODK der SKOS den Auftrag zu prüfen, wie die situationsbedingten Leis-tungen (SIL) zu konkretisieren sind, sodass der Unterschied zwischen den Kantonen etwas reduziert werden kann. Diese Neuerungen werden schweizweit schätzungsweise Mehrkosten von rund 50 Millionen Franken verursachen.
Vertiefte Analyse der vorgelagerten Sozialleistungen zur Bekämpfung von (Familien)Armut
Ebenfalls im Mai 2025 hat die SODK Familienarmut als eines der prioritären Schwerpunktthemen der neuen Fachkonferenz für Familienpolitik definiert. Sie wird im Jahr 2026 ihre Arbeit aufnehmen und hat den Auftrag, die Analyse der vorgelagerten Sozialleistungen zu vertiefen und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Zur Bekämpfung der Familienarmut braucht es gemeinsame Anstrengungen auf allen staatlichen Ebenen. Deshalb hat sich die SODK für die Weiterführung der Plattform gegen Armut eingesetzt.
Das neue Monitoring – Armut messen, sichtbar machen, handeln
Ende November 2025 hat der Bund den ersten Bericht des Nationalen Armutsmonitorings verabschiedet. Akteure aller drei Staatsebenen, der Zivilgesellschaft und der Forschung waren bei der Erarbeitung des Berichts eingebunden. Erstmals liegt damit ein umfassendes, breit abgestütztes Referenzwerk vor, das aufzeigt, wie viele Menschen unter der Armutsgrenze leben und wie sich Armut über Zeit, Lebenslage und Lebensbereiche hinweg strukturiert. Das Monitoring liefert eine solide empirische Grundlage, nicht nur mit nüchternen Zahlen, sondern, ähnlich der Fokusseite Familienarmut, mit Erfahrungen und Stimmen jener, die Armut erleben. Das Armutsmonitoring untersucht nicht nur die aktuelle Entwicklung der Armut in der Schweiz, sondern zeigt auch den Forschungsstand, die verschiedenen verfügbaren Instrumente und deren Wirksamkeit sowie die Hauptakteure der Armutsbekämpfung auf, zu denen auch die SODK gehört. Diese Erkenntnisse aus dem Monitoring sind nicht nur eine Bestandesaufnahme, sondern Wegweiser. In den Kantonen werden Massnahmen diskutiert und weiterentwickelt, die Familien früh und wirksam entlasten: etwa der Ausbau niedrigschwelliger Beratungsangebote, der bessere Zugang zu bezahlbarer Kinderbetreuung oder koordinierte Unterstützungsstrukturen. Der Monitoringbericht bildet die Grundlage für die weiteren Diskussionen und der Erarbeitung der Nationale Armutsstrategie ab 2027, dies mit dem Ziel, Armut systematisch zu bekämpfen und soziale Sicherheit nachhaltig zu stärken.
Interview-Auszug mit Claudia Schwarz Farhat

Frau Schwarz, haben die Herausforderungen in Ihrer Familie zur materiellen Armut geführt?
Ja, absolut. In meinem Fall ist es so, dass meine drei Kinder alle Einschränkungen und Beeinträchtigungen mitbringen. Eine solche Begleitung als Mutter braucht einfach Zeit.
Viele Betroffene können dadurch weniger arbeiten und auch weniger am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Wie haben sie das erlebt?
Das kann ich voll unterschreiben. Ich habe viel Zeit für die Pflege meiner Kinder gebraucht. Ich war auch immer die Ansprechperson für alle. Zusammen mit meinem damaligen Pensum von 60 %, war ich da voll beschäftigt. Ich konnte gar nicht mehr arbeiten, da alles so wahnsinnig viel Zeit brauchte. Doch mit einem Lohn von 60% kann man die Lebenskosten eigentlich gar nicht decken. ** Wenn man Armut als gesellschaftliches Phänomen betrachtet, was würden Sie Armutsbetroffenen in der Schweiz raten?**
Niemals aufzugeben, versuchen, sich Hilfe zu holen. Ich hätte mir selber immer wieder gewünscht, dass man mich wirklich als individuelle Person sieht und mich in der Situation berät, in der ich bin. Teilweise hatte ich das Gefühl, ich bin eine Nummer im System. Aber ich hatte schon auch immer wahnsinnig viel Glück. Mein Arbeitgeber beispielsweise ermöglichte mir, noch eine Ausbildung zu machen (und im Homeoffice zu arbeiten). Damit konnte ich meine Situation langsam verbessern.
Das ganze Interview finden Sie hier.